Die Reise beginnt…
Ein Abenteuer, von dem ich nie gedacht hätte, es zu erleben.
Iten. Eine kleine Region ca. 1 Stunde vom Flughafen Eldoret entfernt. Fernab der touristischen Safarihochburgen oder Pauschalreisenden findet sich das Mekka für Läufer, das Paradies für Ausdauersportler und das Ziel meiner ersten Reise alleine.
Es ist der 04. Januar und ich sitze nach gut 1,5 Tagen Anreise endlich im High Altitude Training Center (HATC) unter einem Strohschirm in kurzen Sportsachen und kann noch nicht ganz glauben, dass ich mittendrin bin, mittendrin in dem Abenteuer, von dem ich nie gedacht hätte, es zu erleben.
Ich möchte das Hier und Jetzt genießen und mit voller Aufmerksamkeit erleben. Gleichzeitig verblassen selbst die schönsten und außergewöhnlichsten Erinnerungen mit der Zeit, damit das nicht passiert, schreibe ich. Ich schreibe für meine Freunde, Lauffamilie und Herzensmenschen, aber vor allem auch für mich.
Was mache ich hier überhaupt?
Spulen wir nochmal kurz zurück. Warum bin ich eigentlich hier? Im Vorfeld der Reise hat mich ab und zu das Gefühl beschlichen, dass ich nicht gut genug bin, um ins „Trainingslager“ nach Kenia zu fliegen. Das ich dort neben der Weltelite doch nichts verloren habe und am Ende doch kein Profiathlet bin oder noch werde, der Höhentraining macht. Trotzdem bin ich hier. Das „Warum“ beantwortet sich nicht durch einen Blick in die Zukunft und dem Stecken von neuen Zielen, sondern vielmehr durch den Blick zurück. Es war ein, wie meine Schwester und ich immer sagen, dynamisches Jahr. Ich durfte viele tolle Reisen erleben, für die ich hart gearbeitet habe und einige Runner‘s Highs, für die ich ebenso hart trainiert habe. Aber wie immer, gibt es mehr im Leben. Dinge die andere nicht sehen, weil sie nicht auf Social Media passieren, teilweise nicht mal außerhalb meines eigenen Ichs.
Der Wunsch nach Veränderung wuchs seit Jahresbeginn in mir. Ich wusste nur nicht genau, wo ich anfangen soll und erst recht nicht, wie ich im Alltag Raum und Kraft dafür finde. So ging es dann erstmal durch die ersten Monate von 2025, denn ganz ehrlich, in Monaten zwischen Trainingsplan, Dienstreisen und dem, was man Social life nennt, war meine Disziplin aufgebraucht, meine Motivation für andere Dinge erforderlich. Je länger ich im Alltag weiter funktioniert habe, desto größer wurde das Bedürfnis den Fokus neu zu setzen, irgendwo diesen Reset oder Pauseknopf zu finden. Im September habe ich dann meinen Mut zusammengenommen und den ersten Schritt raus aus dem strukturierten Alltag gewagt und meinen Job als Managerin in der Beratung gekündigt. Natürlich hat sich nicht von jetzt auf gleich was an meinem Leben verändert, aber mein Lebensgefühl. Zum ersten Mal seit Jahren wusste ich nicht, wie es genau weitergehen wird, aber ich war mir sicher, es wird weitergehen. Mir war klar, bevor ich mir einen neuen (Berufs-)Alltag aufbaue, suche ich diesen heiligen Resetknopf. Nicht weil ich massiv unzufrieden mit mir oder meinem Leben war, sondern weil ich einfach mal Innehalten wollte. Wie im Laufen gab es auch in meinem Leben nur eine Richtung: Vorwärts. Schau nach Vorne, nicht zurück. Keep going. Noch eine Arbeitswoche. Noch ein Termin. Noch ein Trainingsblock. Stop. Es ist okay. Es muss nicht immer immer weitergehen. Es ist nicht notwendig jeden Tag, jede Woche, jeden Monat und jedes Jahr zu wachsen. Stillstand ist kein Rückschritt. Wachstum bedeuten nicht mehr, mehr zu sein, mehr zu werden, sondern manchmal einfach zu bleiben, was man ist, wer man ist.
Von der Idee zur Wirklichkeit…
PS: Ich weiß nicht, ob mein Mann Ansgar seine Idee immer noch so glorreich findet, wie letzten Spätsommer am Frühstückstisch, als er meinte: „Verreis doch sonst mal alleine“…nichts ahnend, dass ich kurze Zeit später gleich einen drei-wöchigen Trip nach Afrika planen würde.
Okay, ich bin etwas abgedriftet aber letztendlich war es das, was mich für diese Reise inspiriert hat. Wo kann ich einfach sein? Wo gibt es wenig Ablenkung? Wo kann ich alleine hinreisen ohne dauerhaft alleine zu sein? Kenia, Iten. Ein Ort mit Wurzeln, Ursprung und Natürlichkeit. Kein Schnick Schnack, keine Angst irgendwo etwas zu verpassen. Es war für mich der perfekte Ort, um das zu machen, was ich liebe, laufen und gleichzeitig den Raum für Reflexion zu schaffen.
Seit meiner Ankunft, die noch keine 24 Stunden her ist, wird mir immer mehr bewusst: Hier geht es nicht darum, wofür du trainierst oder warum ausgerechnet du hier bist. Es geht darum zu Fühlen was dieser Ort mit dir macht, zu Teilen was uns hier alle verbindet.
Am Flughafen in Nairobi wurde ich von anderen Winterfliehenden gefragt, wo meine Weiterreise hingeht. Ich habe schnell festgestellt, dass Iten für die meisten Menschen kein Begriff ist. In meiner Welt des Marathonlaufens hingegen ein fester Bestandteil und im Bekannheitsgrad gleich mit Wörtern wie Major Marathons, Cut-Off Times oder MRT/MP ist. Entgegen meiner Annahme konnte ich noch keine anderen Läufer spotten, anders als bei Reisen zu einem Marathon, wo du bereits am Check-In Schalter siehst, wer potentiell an der Startlinie neben dir stehen wird. Allerdings sollte sich das schnell ändern.
Ein langer Weg ins Paradies
Nach einem tränenreicheren Abschied als erhofft, der sich bis ins Flugzeug gezogen hat, habe ich am 02. Januar, zu einer selbst für mich sehr frühen Tageszeit, mein Nest verlassen. Ansgar, props an den besten Ehemann, hat mich um halb 5 zum Flughafen gefahren. Nach einem kurzen Zwischenstopp und letzten Matcha in Brüssel bin ich Abends nach gut 14 Stunden Reisezeit in Nairobi gelandet.

Da auch hier noch Weihnachtsferien sind, waren die Schalter am Flughafen zur Einreisekontrolle spärlich besetzt und es hat meinem 2026-ich viel Geduld abverlangt rund zwei Stunden in einer Traube aus müden und zu warm angezogenen Fluggästen zu warten. Aber wie alles im Leben, ging auch das vorbei und ich konnte auch meinen Koffer freudig in die Arme schließen. Trotz der Verspätung stand das Hotelshuttle bereit und ich habe mich zum ersten Mal in einer Filmszene wiedergefunden, wo der Name auf einem Plakat am Flughafen oder Bahnhof steht. Yaaay. Alle Etappen des Tages waren geschafft und ich bin todmüde um 2 Uhr Nachts in das alleine viel zu große Bett gefallen.
Am nächsten Morgen habe ich kurz das Hotelgym besucht, um den langen Flug aus dem Körper zu stretchen. Bevor es wieder zum Flughafen ging, um von Nairobi nach Eldoret zu fliegen, habe ich spontan das Frühstück im Hotel aufgebucht und Omlettstation und Pancakes gefeiert, bevor ich für die nächsten drei Wochen Porridgequeen sein werde. Nicht das ich Porridge nicht liebe, aber die Auswahl an Toppings, Nussmus und co, die ich zuhause als Pflichtausrüstung habe, werde ich in Iten verständlicherweise nicht finden (wow, das ist echt ein first world problem, insbesondere wenn man sich überlegt, wohin man reist…).
Mit kenianischer Gelassenheit war das geplante Hotelshuttle zum Flughafen voll und ich habe vorm Hotel auf den nächsten Minivan gewartet. Allerdings stand nicht nur ich etwas irritiert in der Sonne. Im Wartebereich habe ich zwei Mädels entdeckt, die mit New Balance Koffer und Laufschuhen doch so aussahen, als hätten wir ein gemeinsames Ziel. Daher habe ich sie gefragt, ob sie auch auf das nächste Shuttle warten. Mein Verdacht wurde bestätigt und Lucy und Millie, die beide aus der UK kommen, waren ebenfalls auf dem Weg nach Iten und sogar ins selbe Trainingslager. Das Beste daran? Es war nicht ihr erster Aufenthalt hier und ich konnte mich den Beiden für die letzte Etappe der Reise von Nairobi bis ins HATC anschließen und noch Tipps für den Aufenthalt mitnehmen bspw. Bargeldhöhe und Einkaufsmöglichkeiten vor Ort.

Nachdem wir auch den Transfer vom Flughafen Eldoret nach Iten überlebt haben (Verkehrsregeln??? TÜV???), war ich einfach komplett überwältigt plötzlich vor dem Schild „Home of Champions“ zu stehen. Für Millie war es wie nach Hause kommen. Es ist ihr 10. Aufenthalt und alle haben uns extrem freundlich in Empfang genommen. Vor dem Abendessen haben die beiden mich erstmal herumgeführt und mir das Camp und die Umgebung gezeigt. Bei Reis und Nudeln (die simpler aussahen, als sie geschmeckt haben) haben Lucy und Millie mir wieder Gesellschaft geleistet und wir haben viel über das Laufen, Verletzungen, Comebacks, Parkruns und das Leben gesprochen. Das hat mir meine Ankunft alleine im HATC natürlich erleichtert und gleichzeitig gezeigt, hier bist du nicht alleine, wenn du es nicht sein willst.
Die lange Anreise machte sich bei allen schnell bemerkbar und um 21 Uhr lag ich dann unter meinem Moskitonetz und habe meine erste Nacht auf 2.400 Meter Höhe verbracht.
Der erste Lauf mit Party Puls
Die ersten Tage ist es besonders wichtig dem Körper Zeit zu geben sich an die Höhe und neuen Bedingungen anzupassen, auch wenn man liebsten direkt losrennen würde. Ich bin mit einem Lauf komplett nach Puls gestartet.

Normalerweise laufe ich nach Pace oder Gefühl aber das trügt hier schnell. Mein Puls hat bei den Höhenmetern (ca. 120 auf 8km) eine ordentliche Party gefeiert, auch wenn ich mich dabei besser als gedacht gefühlt habe. Am Straßenrand habe ich High 5‘s von Kindern gesammelt und „Hello Sister“ von ein paar schnellen Athleten zugerufen bekommen.
Akklimatisierung im Höhentraining
Zum Thema Akklimatisierung kommt nach der ersten Woche nochmal ein bisschen Input zu meinen Erfahrungen und Möglichkeiten für Alternativtraining im HATC. Wie überall fliegt auch hier die Zeit und es ist fast schon wieder Mittag. Das Gym ruft, die Blackroll will nicht umsonst dabei sein.
Was hier wirklich zählt
Beim Frühstück dann Race Feeling mit dem erwarteten Porridge, Honig und Banane, umgeben von Ikonen der Laufszene und Menschen wie mir - wait?! Das spielt hier nämlich echt gar keine Rolle…Also nochmal neu: „ Beim Frühstück dann Race Feeling mit dem erwarteten Porridge, Honig und Banane, umgeben von Menschen mit derselben Passion.

Das Gefühl, das mich seit meiner Ankunft begleitet ist Inspiration und das bestätigt sich mit jeder neuen Begegnung. Hier geht es nicht um Vergleiche, sondern um Gemeinschaft und Respekt. Egal welche Distanz, welche Pace oder PB jemanden auszeichnet, wir haben alle eins gemeinsam: Die Leidenschaft fürs Laufen und das verbindet mehr als Platzierungen, Titel oder Strava-Kronen. Jeder hat seine eigene Geschichte und Beweggründe hier zu sein und zu trainieren, physisch und psychisch. Gleichzeitig bin ich aber zugegeben auch super fasziniert hier so viele inspirierende Sportler zu treffen und mich davon als Teil zu fühlen. Es zeigt mir einmal mehr, dass es nie darum gehen sollte sich jemand anderen zu beweisen als sich selbst.
Auch wenn ich immer noch das Gefühl habe, nicht alle Eindrücke der letzten 24 Stunden verarbeitet zu haben, kann ich es gleichzeitig nicht erwarten, weitere zu sammeln.
Bussi & Baba,
Delia
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