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Der Abspann läuft noch...

Der Abspann läuft noch...
Sonnenaufgang im Kerio Valley

Jeder Film, der etwas auf sich hält, packt noch ein paar Cliff Hanger in den Abspann, zumindest ist das doch seit ein paar Jahren an der Tagesordnung, oder? Aber im echten Leben kann man nicht Vorspulen oder gemütlich die letzten harten Popcornkörner aus den Untiefen der Papiertüte fischen, während das Licht langsam wieder angeht.

Ich bin zurück und schon wieder weg. Die letzten Tage im HATC waren geprägt von frühen Weckrufen für Trails im Sonnenaufgang und einem besonderen Finale vor der Rückreise nach Deutschland. Ich könnte mich verlieren in der Beschreibung der Routen, den Geräuschen im Wald, den Trails unter meinen abgelaufenen Schuhen und den Pancakes mit Erdnussbutter, die zum Grundnahrungsmittel geworden sind. Aber das Besondere liegt nicht in den Fakten zu Strecke, Puls und Höhenmetern, sondern indem, was da die letzten Tage passiert ist, oder vielmehr, was mir bewusst geworden ist.

Ich bin jedenfalls genau so tränenreich abgereist, wie ich damals in München aufgebrochen bin. Was passiert hier? Die Reise zu mir selbst, hat mich verbunden. Mit Iten, mit den Menschen, mit dem Camp, mit dem Lebensgefühl. Ich war nicht bereit das "simple life" zu verlassen, den Raum wieder zu Öffnen für Alltag, für wieder zurück sein, wo ich sonst so glücklich war.

Es gibt viele Gründe, woran das liegen kann und sicherlich auch viele Ansätze, das herauszufinden. Persönlich schaue ich einfach nochmal zurück auf die letzten Szenen vor dem Abspann...vielleicht wird es dann ganz von selbst etwas klarer, die Pause Taste habe ich nicht gefunden aber dafür kann ich zurückspulen, zumindest gedanklich.

Trailrun im Singore Forest

Unsere kleine Crew, bestehend aus Patrik, Camille und Alj hat sich wieder verabredet und so stehen wir morgens um 6 Uhr am Eingang vom Camp und brechen zu einem Trailrun im nahegelegenen Singore Forest auf. Maximal 21 Kilometer, schattig, entspannt..das geht sicherlich ohne Weste und Nutrition. Okay, war nicht klug aber machbar - wir traben also los und legen den unliebsamen Teil neben der Hauptstraße nach ca. drei Kilometern endlich zurück und biegen ab in die Trailwelt.

Trail im Singore Forest

Patrik ist wieder unser Lokalguide und navigiert uns zielsicher durch die wechselnden Abschnitte der Natur um uns herum. Von einem Moment im Regenwald zu dichten Nadelbäumen und über Lichtungen mit Bienenvölkern, wir können die Handys gar nicht so schnell wieder rausholen und versuchen die Szenerie einzufangen. Es geht immer mal wieder rauf und runter und die Schritte auf den Trails sind unser einziger Begleiter, bis wir wieder ausgespuckt werden und neben LKWs, Motorrädern und Schulbussen die letzten Meter ins Camp laufen. Thank God - es ist Pancake Breakfast!

Doch, hier geht es lang...

Sonnenaufgang im Kerio Valley

Die letzten Tage sind angebrochen und als wir unsere Pläne schmieden merken wir, dass gar nicht mehr so viel Zeit für Alles bleibt. Ich denke noch nicht an die Abreise und lebe einfach im Pole Pole Moment. Eins nach dem Anderen...etwas Iten hat also doch schon auf mich abgefärbt.

Chasing the sun

Wie kann man sich den nahenden Abschied also noch schwerer machen? Man macht eine Tour zum Sonnenaufgang. Ich liebe die Magie eines neuen Tages und habe daher auch an diesem Morgen wieder kein Problem damit, mich aus dem Bett zu schälen. Zugegeben waren die letzten Nächte im Camp immer etwas durchwachsen, aber sobald ich in die Laufschuhe gestiegen bin, war die Batterie geladen. Ready, Set, Go.

Im Strahl der Stirnlampen brechen wir auf zum nahegelegenen Aussichtspunkt am Kamariny Track. Der Track ist gerade eine riesige Baustelle, aber das sollte uns nicht aufhalten, oder doch?

Ausblick vom "verbotenen" Felsen

Wir laufen voraus und Patrik erhellt uns mit seinem Scheinwerfer die Strecke, die Schatten tanzen über die noch müden Dirt Roads. Am Horizont beginnt das Farbspiel schon und ein erster Streifen roter Glut erscheint in der Ferne. Wir erreichen die Felsen, von denen wir eine traumhafte Aussicht haben, als es hinter uns knistert. Wieder eine Affenbande? Leider nein...drei Wächter tauchen auf und teilen uns mit, dass es verboten ist hier zu sein, da das ganze Gelände zur Baustelle des Tracks gehört. Wir können noch etwas verweilen, aber gehen nach kurzer Abstimmung zurück. Sollte es herauskommen, dass sie uns dort unbeachtet gelassen haben, würden sie ihre Jobs verlieren und die Arbeitslage in Iten ist denklich ungünstig und sicherlich wollen wir am Ende für ein paar Fotos vom Sonnenaufgang nicht für die Existenzkrise einer Familie verantwortlich sein. Kurz ist die magische Stimmung weniger magisch als gedacht, aber es ist noch genug Zeit den Sonnenaufgang zu jagen. Ein richtiges Ziel haben wir nicht, kennen aber ein paar Stellen, an denen es schön sein könnte. Im roten Licht der ersten Vorboten der Sonne laufen wir wieder los und finden einen einsamen, unberührten Spot, an dem wir verweilen können. Die Aussicht steht dem ersten Punkt in nichts nach und es braucht keine Worte, um diesen Moment einfach sein zu lassen. Wie schön kann ein Morgen beginnen?

Ich atme tief ein, das Gras ist noch feucht, die Vögel fangen langsam an den Soundtrack zu spielen, der diesen Tag begleiten soll. Vier Menschen, die sich wenige Wochen vorher nicht kannten stehen um 6 Uhr mitten in Kenia und fangen die Magie der Morgenstunden ein. Ich fühle mich angekommen.

Nächster Spot - enttäuscht nicht

Das große Finale

Normalerweise komme ich auf die dummen Ideen, aber dieses Mal kann ich sagen "War nicht meine!" und sie war auch alles andere als "Dumm". Es ist Donnerstag, der 22. Januar und damit der letzte volle Tag vor meiner Rückreise. Die Magie des Sonnenaufgangs haben wir nicht ganz eingefangen, aber so viel mehr...Um Punkt 7 Uhr drücke ich die Starttaste an meiner Uhr und laufe los. Ein letztes Mal Dirt Roads, ein letztes Mal meine Adidas Evo SL ausführen, bevor sie zurückbleiben, um jemand anderem treue Begleiter zu werden. Aber genug Nostalgie...Wer wenn nicht Patrik hat die Route bereitgestellt, die Alj und ich an dem Tag ablaufen wollen? Der Plan? Einen Marathon in Iten laufen. Verpflegungsstrategie steht, Sonnencreme vermischt sich mit den ersten Salzrändern und der rote Staub legt sich ein letztes Mal auf unsere Beine und färbt Schuhe und Socken noch tiefer ein.

Die ersten Kilometer ziehen sich etwas, bis wir die Fartlek Road erreichen und wieder mehr in die Landschaft eintauchen. Die erste Verpflegung haben wir nach ungefähr 15 Kilometern auf Google Maps ausfindig gemacht und hoffen, dass wir auch fündig werden. Glück gehabt, der kleine Laden hat alles, was wir brauchen. Mit etwas Wasser und einer geteilten Cola geht es gestärkt weiter. Bisher rollten die Höhenmeter aber langsam wird es welliger. Wir schauen nicht auf die Uhr, wir laufen einfach. Laufen mit dem Staub im Gesicht, den Weiten des Landes vor Augen und dem Piepsen der Routenführung im Ohr. Ohne Patrik liegt die Aufgabe bei Alj und seiner Uhr, während ich mal wieder Passenger Princess bin.

Navigationssystem des Tages

Etwas nach der Halbzeit erreichen wir die nächsten Shops und wiederholen das gleiche Prozedere nochmal. Die Sonne steht höher, es wird wärmer, das erste Gel schmeckt besser als erwartet und wir haben immer noch Spaß. Wie soll man es erklären oder beschreiben, dass genau diese simple Bewegung, einen Fuß vor den anderen zu setzen, einem so viel geben kann? Wir quatschen pausenlos während wir über Feldwege, Straßen und Querungen laufen. Kilometer 39. Was? Jetzt soll gleich schon alles vorbei sein...? Wir sind im Flow und werden getragen von einem langen Runners High. Ein Glück, dass die Route, die Patrik uns geben hat, 46 Kilometer lang ist. Der Plan, dass wir nach der Marathondistanz mit einem Roller die restliche Strecke ins Camp zurückfahren ist schnell verworfen und wir wollen die Runde schließen, sieht ja sonst auf Strava auch doof aus.

Kurzer Boxenstop bei Kilometer 39

Der letzte Abschnitt ist mehr Straße aber nicht viel befahren und umgrünt von vielen Pflanzen. Kilometer 45, das Camp ist in Sicht...Moment mal? Keine Panik, wir können natürlich nicht bei 45 Kilometern aufhören, da fehlen ja nur noch fünf Kilometer um aufzurunden. Wir brauchen nichts sagen, wir beide wissen es, wir wollen die 50 Kilometer voll machen. Also biegen wir nach links ab und steuern Richtung Track, der genau 2,5 Kilometer vom Camp entfernt liegt und den letzten Wendepunkt bilden soll. Ich verdränge, dass wir dann bergauf und gegen den Wind die letzten Metern sammeln müssen. Mein persönlicher Windbreaker leitet die Kurve ein und es pustet uns ordentlich entgegen, Staub und Abgase begleiten uns. Unser persönlicher Zielbogen nach 50 Kilometern ist der "Home of Champions"-Bogen. Gibt es einen besseren Zieleinlauf für dieses Abenteuer?

Epischer Zieleinlauf nach 50 Kilometern

Salzig, rot eingefärbt und tropfend nass stoppen wir die Uhren - we made it!

Mir bleibt nichts zu sagen. Das war ein Traumtag und er sollte noch nicht zu Ende sein. Das Gefühl die Beine in den kalten Pool zu tauchen war unbezahlbar und Starfotograf Josh hat diese Moment auch noch eingefangen. Merci! Sollten meine Erinnerungen also auch hierzu irgendwann verblassen, sehe ich in einem Foto zusammengefasst, wie sich 50 Kilometer durch Iten anfühlen können. Nicht alleine, sondern mit Menschen, die dich wachsen lassen.

Marmeladenglasmoment

Neben Elektrolyte, Pool und Gels gab es noch einen letzten Ausflug zum Kerio View Café am Nachmittag mit Alj und Patrik. Pancakes mit Eis und Schokosauce, die gar nicht soooo lange gedauert haben für kenianische Verhältnisse, waren das Tüpfelchen auf dem i, so heißt es doch? Aber vielmehr als die Nachspeise war die wirkliche Bereicherung die gemeinsame Zeit, nochmal zu reflektieren, was wir alles erlebt haben. Es könnte ein eigener Film sein oder eine eigene erste Staffel mit mindestens zehn Folgen...

Sonnenuntergang hin oder her, dieser Blick ist unbezahlbar.

Nicht schon wieder Weinen, oder doch?

Das dumpfe Gefühl der nahenden Abreise beschleicht mich als der Tag sich dem Ende neigt und ich merke, dass ich noch nicht bereit bin. Bereit wofür? Einen Alltag? Es ist anders. Ich hänge nicht in diesem "Schade, dass der Urlaub vorbei ist"-Gefühl sondern an mehr. Der ganzen Bubble, in die ich eingetaucht bin, die mich verschluckt hat. Andere, die vor mir abgereist sind, beschrieben es ähnlich...die Bereitschaft wieder in die große Zivilisation mit all den Menschen, Strukturen, Angeboten und Überfluss zurückzukehren fühlt sich nicht richtig an. Wo ist mein Platz? Komme ich mit mehr Fragen zurück, als ich aufgebrochen bin?

Der letzte Tag besteht überwiegend aus den verbliebenen Routinen: Gym (nach den 50 Kilometern am Vortag wirklich nur eine Recovery Ride, auch wenn mir die Vorstellung an einen letzter Lauf in den Füßen kribbelt), Frühstück, Pool, Packen (Okay, keine Routine in Iten, aber in meinem normalen Leben gefühlt an der Tagesordnung haha), Mittagessen, Abschiedsdate mit den Mädels, Abholung zum Flughafen...In Abschieden bin ich eigentlich schon geübt, nach dem Camille und einige andere das Camp ja schon verlassen haben wenige Tage zuvor...falsch gedacht. Jetzt bin ich dran und Alj.

Little Adventure Crew: Patrik, Camille, Alj

Soweit so gut dachte ich, aber beim Abschied von Lucy, Millie, Klara und Helle bricht es doch aus mir heraus, genau als ich meine Armbänder als kleine Abschiedsgeschenke überreiche...Olympische Ringe, Dream Big, Gänsehaut. Danke, für diese unvergessliche, bereichernde und lehrreiche Zeit. Ich freue mich auf die große Réunion nächsten Januar und bin bestimmt besser vorbereitet, diese einzigartige Welt danach wieder zu verlassen.

Girls Gäng ;)

Lost & Found

Ich bin nach Kenia gereist, um mich selbst zu finden, auch wenn ich nicht verloren war. Gefunden habe ich vieles, vielleicht auch Dinge, nach denen ich nicht gesucht habe. Ich komme mit so viel mehr zurück und sortiere meinen Rucksack noch, der sich Leben nennt.

Ich freue mich jetzt schon auf jedes "Flyby", wo auch immer sich unsere (Lauf-)Wege kreuzen. Bestimmte Wahrscheinlichkeiten machen es in diesem Sport einfacher...Valencia könnte eine davon sein.

Könnte ich meinem "Abreise-ich" noch eine Sache mitgeben, dann ist es Vertrauen. Vertrauen in mich selbst, in das Leben und in die Dinge, die darin passieren.

PS: Es stehen noch so viele Erlebnisse auf meiner Liste, die noch nicht verschriftlicht sind, so viele Details und kleine Momente aus dem Leben in Iten, der Reise und dem "Danach", aber für jetzt belasse ich es erstmal dabei. Der Abspann läuft noch...

Bussi & Baba

Delia