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Ein Kind der 90er

Ein Kind der 90er
Durch den kenianischen Dschungel mit Patrik, Ali und Camille

Halbzeit im Kenia, aber an Pause ist nicht zu denken. Ich muss erstmal meine Gedanken sammeln und die letzten Tage sortieren. Ich wollte eigentlich schon viel eher wieder etwas schreiben, aber ich habe nicht die Ruhe dazu gefunden. Die wenigen Momente, wo ich wirklich mal alleine war, hatte ich dann einfach keine Lust irgendwas zu tun. Genau das wollte ich hier ja auch Zulassen. Kein Stress, kein Druck, keine to-do Liste (abgesehen vom Trainingsplan, wobei auch der sich hier anderen Aktivitäten unterordnet, aber dazu später mehr…).

Jetzt sitze ich gerade gefueld von Omlett und Porridge mit einem Hydraid (keine Werbung an dieser Stelle haha) am Pool und bin dankbar mein Fartlek, mit wieder gut 200 Höhenmetern, heute durchgezogen zu haben.

Ich scrolle durch meine Bildergalerie und reflektiere, was für schöne und ereignisreiche Tage hinter mir liegen. Wo fange ich an?

Gym-Routinen und Early Bird Optionen 

Normalerweise macht das Gym hier um 8 Uhr auf. Frühstück ist bis 9 Uhr. Problem erkannt? Direkt vor der Session kann ich einfach nicht viel essen und begnüge mich meist mit einer Banane, Riegel oder Gel. Umso besser, dass man auf Anfrage schon eher ins Gym kann und so liegen schon ein Paar „Early Bird Sessions“ hinter mir. Es ist nämlich 2026 und damit auch mein erstes Triathlon Jahr. Also versuche ich die Zeit hier zu nutzen und mit Bike Sessions zu starten und erste Koppeleinheiten langsam zu etablieren, damit ich das Volumen kontinuierlich steigern kann. Also sitze ich eben um 06:30 Uhr auf dem Rad mit Podcast, Musik und Gesellschaft von Mette und Liv, die beide bei der Kenyan Experience dabei sind.

Keine Anzeige am Rad, Uhr & Schweißrate zählen…

Naja jedenfalls glaubt man es kaum, aber ich habe Spaß daran gefunden, tropfend auf einem Indoor Bike zu sitzen. Warum schwitzt man da so viel mehr?? Trotzdem freue ich mich schon auf dem Frühling in Deutschland und erste Outdoor Touren mit Pistazieneis Finale.

Das Beste allerdings habe ich noch gar nicht verraten. Die Musik im Gym selbst versetzt mich jedes Mal zurück in mein Kinderzimmer und erste Herzschmerz Erfahrungen. Ob Backstreetboys, Westlife oder Beyoncé, wir singen nicht mehr nur in Jeffs Auto lauthals „If I were a boy“ mit, sondern auch manchmal im Gym „Määäändy“. Witzigerweise sind diese Lieder nicht bei jedem bekannt oder mit unterschiedlichen Lebensphasen verknüpft. Hier im Camp lassen sich die Generationen eher in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe sind die Nachwuchstalente zwischen 19-23 Jahren, nach einer kleinen Lücke kommen wir, die 29-35-jährigen als Kinder der 90er und dann die Lauflegenden, die mit 40-60 Jahren mindestens jährlich das Camp für mehrere Wochen besuchen. Goals! Ich erkenne wieder, ich liebe es ein Kinder der 90er zu sein. I want it that way!

Rest Days auf kenianisch

Double Days stehen hier an der Tagesordnung und ich merke langsam den deutlich erhöhten Umfang. Logische Konsequenz: Restday. Ich gestehe meinen Beinen eine Laufpause ein und lege mich an den Pool. Keine fünf Minuten später sind wir, Patrik aus Schweden, Ali aus Slowenien, Camille aus Frankreich und ich, einer anderen Idee aufgesessen. Sagt man das so…? Es gibt einen Wasserfall, ca. 6km vom Camp entfernt und was steht schon einem kleinen Trailabenteuer entgegen? Nichts. In diesem Moment wird mir bewusst, wie sehr ich diesen Sport liebe, aber gleichzeitig dankbar bin, keine Profikarriere zu verfolgen. Da wäre ein 12km Trailrun neben dem Trainingsplan einfach nicht drin und auch die Verletzungsgefahr viel zu hoch.

Keine Stunde später traben wir los und passieren erst die staubigen, roten Wege, bis wir plötzlich in einem dichten Wald mit Pinienbäumen ankommen.

Die Kontraste von roten Wegen, blauem Himmel und satten Grün sind ein Merkmal der Region

Plötzlich raschelt es über uns, neben uns und überhaupt…was ist das? Die „Live Safari“ beginnt, als die kleine Affenbande von Baum zu Baum segelt und wir immer mehr in den umliegenden Ästen entdecken. Ich bin happy, den Restday eingetauscht zu haben. Wir laufen weiter und schlagen uns durch dichter werdendes Gebüsch,versuchen den Wurzeln auszuweichen und keine Fliege zu verschlucken. Das erste Mal bin ich dankbar den Impfmarathon zuhause gehabt zu haben.

Trailabenteuer zum Wasserfall

Kurz darauf erreichen wir eine Lichtung, bevor es auf die letzten Kilometer durch dichten Dschungel geht und wir einen kleinen Fluss queren. Die Quote ist gut und drei von uns kommen trocken über die kleine Steinbrücke. Gegen eine kleine Erfrischung ist aber auch nichts mehr einzuwenden…Kurze Zeit später hören wir das Rauschen aus der Ferne und finden eine Wasserleitung neben uns im Grün, immerhin eine Orientierung falls wir verloren gehen. Als sich der Wasserfall zu unserer Linken auftut sind wir am Ziel. Feine Tropfen von Sprühregen benetzen meine Haut und sind eine willkommene Abkühlung. Zum Wasserbecken vom Wasserfall geht es leider nochmal recht steil runter auf loser Erde und Geröll.

Kurz vorm Ziel mit erster Aussicht auf den Wasserfall

Die Jungs sind schon unten, als ich meine Rutschangst überwinde und auf allen Vieren runterklettere. Der Profitrailrunner schlechthin. Es hat sich gelohnt und wir halten uns eine Weile an diesem besonderen Ort auf, machen Fotos und treten den Rückweg an, um das Mittagessen nicht zu verpassen. Hunger haben wir alle nämlich trotzdem ständig.

Jungle Bells, Jungle Bells, Jungle Bells roooock.

Dank dem Bestzeitpdcast wartet im Gemeinschaftskühlschrank auch noch eine gekühlte Fanta Passionfruit auf mich, die eine richtige Ergötzung ist (um es in Maurice Worten zu sagen…).

BESTE Empfehlung.

Den Rest des Tages lasse ich es aber wirklich ruhig angehen und liege mit ein paar anderen am Pool, schwimme und gönne mir einen Schluck Poolwasser, der mir später nicht so gut bekommt…aber auch das geht vorbei. Wir philosophieren über Veränderungen von Anmeldeverfahren und der neuen Lotterie von Valencia (die Ergebnisse trudeln hier nämlich in Minutentakt ein).

Obligatorisches Erinnerungsselfie

Track Tuesday, Gruppensessions und Fartlek -  Laufroutinen in Iten

Bisher war ich nicht so angetan von den Gruppenläufen, die meist um 06:30 Uhr und 16 Uhr stattfinden, aber mein Puls pendelt sich ein und ich kann meinen Körper wieder besser einschätzen, also entscheide ich mich, dass ich einen Tag voller Gruppenaktivitäten folge. Vielleicht liegt es auch daran, dass einem die Menschen hier langsam echt ans Herz wachsen und ich einfach gerne Zeit mit ihnen verbringe. Es ist unglaublich bereichernd, so viele verschiedene Nationalitäten an einem Ort zu treffen, die alle durch das Laufen verbunden sind. Also steht neben der Selbstfindung auch Zeit für Austausch auf dem Programm.

Das Ticket zum Runner‘s High

Dienstag ist der klassische Track Tuesday und ich drehe auf dem „Allwetter“-Track meine 12x400m Intervalle. Es macht Spaß endlich mal wieder ein bisschen Tempo zu machen. Der Track öffnet schon um 6 Uhr und mit meinem Ticket bekomme ich Zugang, bevor die große Masse ab ca. 9 Uhr den Track überschwemmt.

Allwettertrack vom HATC

Als kleines Highlight gab es um 11 Uhr noch eine Drill Einheit von Richard, dem Campleiter und der lokalen Laufgruppe. Allerdings war das sehr wenig effektive Übungszeit und mehr stehen und gucken…das würde ich nicht nochmal machen aber verbuche ich als Erfahrung. Und wer weiß, ohne Teilnahme wüsste ich jetzt eben nicht, dass es nicht so meine Vorstellung von Drill Einheit war. Immerhin habe ich ein paar Erinnerungsvideos vom aus der Reihe tanzen...

Drills werden ab sofort ins Training aufgenommen…

Um 16 Uhr ist keine Tea Time sondern der 2. Lauf des Tages. Ich raffe mich nach meiner Bike Session auf und gehe zum Treffpunkt, wo Local Host Peter schon wartet. Das Koppeln will von der Planung ja auch in die Realität umgesetzt werden. Anscheinend sind alle anderen vom Track Tuesday und Magenproblemen ausgeknockt und so treibt mich Peter entgegen der Erwartung „easy run“ durch die kenianischen Berge und die 7km sind fordernder als gedacht. Gleichzeitig erkenne ich so auch frühzeitig, dass hier ein Weg vor mir liegt, der mich nochmal anders fordern wird bis Juni. Danke Severin, danke liebster Ehemann…

Double Days sind hier fast an der Tagesordnung

Genau wie der Track Tuesday ist das Kenyan Fartlek eine feste Institution. Leider ziehen sich seit ein paar Tagen bei 2/3 der Camp Bewohner Magen-Darm Probleme durch den Alltag. Vielleicht liegt es an der Höhe und dem intensiven Training oder dem Essen, dass sich auf Dauer vielleicht doch anders auswirkt. Ich habe noch nie so viele Eier, Bohnen/Linsen, Kohl und Reisgerichte gegessen. Mir geht es okay aber nicht überragend und ich gehe auf Nummer sicher. Anstatt in einem überfüllten Mini Vän (Grüße gehen raus Gieselherr) zu sitzen starte ich mit Liv direkt am Camp, um zur Not nah an „Zuhause“ zu sein. Während die Sonne langsam aufgeht und die roten Wege in noch röteres Licht taucht, erkennen wir, dass unsere erste Routenwahl in einem Crosslauf enden würde und drehen um, mit Kurs auf den Allwetter-Track, um halbwegs flach laufen zu können. Die kenianische Pünktlichkeit allerdings macht uns einen zweiten Strich durch die Rechnung, der Track ist zu. Mentales Training ist genau so wichtig und am Ende stehen 17km und 200 Höhenmeter über die steinigen Dirt Roads auf der Uhr. Ich bin happy.

Rutschgefahr in Deutschland = Stolperfallen in Iten

Was macht das Mindset?

Die letzten Tage haben weniger aus „me time“ bestanden, aber das habe ich mir jedes Mal bewusst ausgesucht. Am Samstag ist großer Abreise Tag der Kenyan Experience und es kommen nach und nach mehr Profiathleten an. Ich habe noch ein paar kleine Ziele in der Umgebung, die ich die nächsten Tage alleine erkunden möchte und auch ein paar Übungen, die ich machen möchte für Reflexion, Orientierung und das im „Hier und Jetzt“ sein. Ich denke aber auch, es ist diese Mischung, die meine Reise so besonders macht. Ich fühle mich nicht alleine. Ich denke gar nicht mehr über das Sprechen auf Englisch nach und folge einfach meinem Gefühl. Habe ich Lust auf einen Gruppenlauf? Dann gehe ich hin. Möchte ich lieber alleine durch den Wald traben? Dann mache ich das. Ich habe aber auch gemerkt, dass es gut ist, meine Komfortzone hin und wieder zu verlassen. Was meine ich damit? Manchmal ist es einfacher, seinen Lauf zu machen und seiner Routine zu folgen, allerdings bringt dich ein gemeinsamer Lauf hier ein Stück näher an die lokale Kultur und Menschen heran und genau aus diesen Begegnungen ziehe ich so viel, dass es wertvoll ist. Wertvoll zu sehen, was anderen ausreicht, um glücklich zu sein oder zu erkennen, dass jeder hier sein Päckchen trägt. Es gibt nicht den richtigen Weg für mich, den ich hier finden kann, es gibt viele Wege. Das wichtigste ist zu wissen, welcher JETZT einzuschlagen ist. Welches „Ich“ mich jetzt auf diesem Weg am Besten unterstützt und wer dieses „Ich“ jetzt sein soll. Die nächste Abzweigung oder Weggabelung kommt bestimmt und ich freue mich auf jede weitere Version von mir, die ich kennenlernen darf.

Mit sich selbst im Einklang ist der beste Start in den Tag!

Bevor ich noch ein eigenes Kapitel über das „Ich sein“ schreibe, lege ich das Tablet mal weg und tue nichts, mit der Hoffnung in den Beinen, dass ich nicht in einer Stunde wieder in den Trailschuhen stecke. 

Bussi & Baba,

Delia