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Hier überschlagen sich die Ereignisse…

Hier überschlagen sich die Ereignisse…

Ich komme gar nicht mehr so richtig hinterher, vielleicht muss ich das aber auch gar nicht. Pole Pole - easy easy.

Was heißt vermissen?

Die letzte Woche ist angebrochen und ich werde oft gefragt, ob ich Ansgar vermisse. „Natürlich“ ist die richtige Antwort, aber „Vermissen“ nicht der richtige Ausdruck. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben, aber es ist vielmehr das Gefühl etwas von dem hier teilen zu wollen. Ich könnte mir vorstellen noch länger hier zu bleiben und gleichzeitig bedeutet es nicht, dass mir Ansgar, Freunde und Familie nicht fehlen. Diese Reise, die auch zu mir selbst führt, ist noch nicht zu Ende und wenn ich darüber nachdenke, wird sie es auch nie sein. Darum geht es doch im Leben, oder? Sich kennenlernen, sich akzeptieren ,aber auch sich entwickeln, sich neu erfinden. Vielleicht klingt es egoistisch, vielleicht ist es das aus Sicht anderer auch, aber ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und diese Verantwortung nicht an andere weitergeben kann. Wenn wir also unser Glück nicht von anderen Menschen abhängig machen sollen, wie kann es dann nicht Richtig sein an sich zu denken?

Mach dein Glück nicht von anderen Menschen abhängig

Natürlich hat jeder seinen Lebensrahmen, vielleicht Kinder, vielleicht Eltern, um die man sich kümmern muss, aber der eigene Rahmen ist flexibel. Da passt kein fixes Bild rein. Die Perspektive verändert sich. Ich habe mir in den letzten Tagen weniger Zeit genommen meine Reise zu mir methodischer zu halten und gemerkt, dass genau diese Offenheit die Dinge anders zu tun, als geplant, mir den größten Mehrwert bisher geben. Was ich in den Begegnungen und Gesprächen hier gefunden habe, ist neben der Verbindung zu den Menschen, die ich erst seit 10-14 Tage kenne, die Verbindung zu mir. Wer bin ich alleine, in einer Gruppe, in einer neuen Situation? Da hilft kein Buch, keine Übung, das ist das Leben.

Mit jedem Tag den ich hier verbringe, wächst die Vorfreude auf bestimmte Dinge aber ich würde nicht sagen, dass sie mir fehlen. Es ist einfach, wie einfach das Leben sein kann, ohne die große Auswahl an „was essen wir“ oder „was ziehe ich an“. Kleine Dinge bereichern unseren Alltag im Camp und mit kleine Dinge meine ich kleine Dinge. Es ist der Zimt im Porride, die kalte Coke aus dem Gemeinschaftskühlschrank oder die Mango vom Obststand an der Straße.. und vielleicht auch die Honig Cashews aus dem großen Supermarkt in Eldoret.

Erste Tränen im Camp

So wie meine Zeit hier sich dem Ende neigt, ist auch die Kenyan Experience Gruppe abgereist. Wenn ich zurückspule und lese, was ich in meinem ersten Beitrag geschrieben habe, muss ich mich etwas korrigiere. Der Spirit der nicht nur innerhalb der Gruppe entstanden ist, sondern auch auf uns alle übergegangen ist, ist etwas Besonderes. Wir sind zusammengewachsen. Es braucht nicht mehr als 1-2 gemeinsame Morgenläufe oder Lunchdates, um zu merken, das passt. Trotz den vollen Programms und vielleicht auch „fragwürdigen“ Akklimatisierung ist hier jeder angekommen, angekommen bei sich, bei uns, im HATC. Als die ersten die Heimreise antreten, fließen Tränen. Die Verabschiedung von Willy und Peter als Local Hosts zeigt, wie herzlich die ganze Gruppe begleitet wurde. Fehlt ein Gesicht beim 06:30 Uhr Run Club ist die Nachfrage und Sorge groß. Der Respekt vor der Rückkehr in den Alltag genauso. Diese Welt, die man hier betritt entschleunigt so sehr. Für Josh und Cedric ist es keine Frage zu Verlängern, weil sie die Möglichkeit haben. Das zeigt ganz gut, wie magnetisch dieser Ort ist. Für jeden Abenteurer, der Iten und seine Läufer kennenlernen will, ist die Kenyan Experience sicher eine gute Option. Ambitionierte Trainingspläne mal hinten angestellt.

A mangolicous goodbye

Mir bleiben immerhin zwei Souvenirs, da Mette mir zum Abschied noch eine Mango vor die Tür gelegt hat und Sky mir ihren heißgeliebten Wasserkocher vermacht hat. Es fühlt sich komisch an, die ersten Gesichter gehen zu sehen und gleichzeitig bin ich gespannt, wer nun das Camp erreicht und wie sich damit auch die Stimmung oder Atmosphäre ändert. Und das meine ich nicht im negativen, sondern neugierigen Sinne.

Trainingseinheiten und ein Ausflug nach Eldoret

Von Tag zu Tag reguliert sich mein Körper mehr auf die Gegebenheiten hier. Ich genieße es sehr, dass ich jeden Tag eine große Auswahl an Optionen habe und eine gute Balance zwischen Struktur im Training und „Warum nicht?“ habe. Auf der Tagesordnung stehen hier mindestens zwei Einheiten, was inzwischen dazu führt, dass man eine Trainingseinheit am Tag als „Restday“ oder „heute habe ich nicht viel gemacht“ zählt. Wir schmunzeln alle selber darüber und ich bin gespannt, wie sich ein Alltag anfühlt, in dem um 16 Uhr nicht das zweite Training eingeläutet wird. Andererseits habe ich nochmal viel über meinen Körper gelernt und das Aufteilen von Trainingseinheiten auf zwei Sessions - ein bisschen was werde ich mir ganz sicher beibehalten. 

Race Day

Warum nicht an einem lokalen Qualifikationsrennen teilnehmen? Ja, das dachte ich mir auch. Zumindest als Zuschauer. Noah, aus dem HATC ist über 1.500 Meter bei einem Track Race am Start. Die Bahn liegt am Tambach Collage ca. 12 Kilometer entfernt. Also 14 Kilometer, wenn man die Angaben der Kenianer übersetzt.

Der zweite Championsbogen vor dem Kerio Valley

Das Rennen soll um 9 Uhr starten und ist natürlich die perfekte Möglichkeit den Lauf am Morgen damit zu verbinden und die 500 Höhenmeter runter ins Tal zu laufen. Helle, Alj, Camille und ich machen uns also auf den Weg, um Supporter zu spielen aber auch mal an einem Rennen der Kenianer live teilhaben zu können, ohne das sie bereits auf der gegenüberliegenden Straßenseite ins Ziel laufen, während man selbst dem Mann mit dem Hammer entkommen will.

Die Passstraße zum Tambach College

Die Passstraße ins Tal ist wunderschön und eröffnet uns einen traumhaften Blick über das Keiro Valley. Wir schlängeln uns die Serpentinen herab und erreichen den Track mit deutscher Pünktlichkeit um 08:45 Uhr. Die Athleten sind schon zahlreich im Schatten der wenigen Bäume am aufwärmen. Der Track allerdings sieht noch nicht nach Race Day aus. Während eine Herde Kühe noch friedlich am Streckenrand grast, wuseln auf dem Dirt Track (also keine Tartanbahn) einige Kenianer umher und fangen gerade damit an, die Bahnlinien zu ziehen.

Race Track

Mit Hürde und kleinem Kreidewagen wird mit Augenmaß gemessen und aufgemalt, während der Race Director die Anmeldung ausruft. Nachdem es keinen Zeitplan gab und gegen 10:15 Uhr erst das erste Rennen startet, entscheiden wir, uns auf den Rückweg zu machen, allerdings per Shuttle, um die Garmin nicht zu sehr zu ärgern. Noah läuft später ein gutes Rennen und wir alle sind um ein Erlebnis reicher. Ich weiß nicht, ob ich die westliche Ordnung jetzt mehr schätze oder mir manchmal etwas mehr von der Gelassenheit Dinge anzugehen wünsche.

30 Kilometer durch Eldoret

So sitze ich wieder im Auto. Dieses Mal mit Helle, Dylan und Manu. Dieses Mal sogar mit Sicherheitsgurt. Meine Kontaktliste hat sich in den letzten Wochen um einige wertvolle Nummern erweitert und erstaunlicherweise sind die Abholungen hier immer mehr als pünktlich. Start ist am historischen Kipchoge Track in Eldoret, der aktuell in Arbeit ist. Vermutlich vergleichbar mit Stuttgart 21, aber irgendwann, wird auch diese 400 Meter lange Foltermaschine fertig sein. Dylan und Manu haben 30km im 4er Schitt auf dem Plan und ich schließe mich Helle an, für einen Longrun mit einigen progressiven Abschnitten. Wir queren die Hauptstraße und tauchen wieder ein in die Dirt Roads der Region.

Typische Dirt Road

Die Strecke ist vielseitig und entgegen der anderen Runden hier, mit rund 200 Höhenmetern auf 30km, wirklich flach…Wir passieren kleine Dörfer, die uns mit Gospel Gesang empfangen, da Sonntag ist und die Anwohner in die Kirchen strömen. Ein Hundewelpe, und zwei Gels später kommt das Begleitfahrzeug vorbei und wir bekommen Wasser gereicht - Pro Feeling inklusive! Am Ende stehen das erste Mal 30 Kilometer hier auf der Uhr und wir sitzen eingestaubt und verschwitzt im Auto für die ca. 40 Minuten Fahrt zurück ins Camp. 

Eigener Bottle-Klaus

Im Zuckerhimmel und den Tiefen von Dufflebags

Allerdings machen wir noch einen kleinen Ausflug in die Zivilisation und stoppen an einer kleinen Mall mit einem Supermarkt. Ja, einem richtigen Supermarkt. Ihr könnt euch denken, wie man nach 30km durch die kenianische Sonne (trotz Verpflegung) plötzlich im Zuckerhimmel ist. Im Korb landet eine kalte Cola, Joghurts, mehr Nüsse, Riegel, ÄPFEL (!!!), eine Alpro Oatmilk und ein paar Süßigkeiten, die auch andere Campbewohner später glücklich machen werden. 

PS: Das nächste Matcha Date kann damit doch kommen und ist schon für meinen Abreisetag ausgemacht.

Auch für den Fahrer kaufen wir ein paar Sachen und im Auto gibt es eine Runde Mangoeis. Verrückt ist, dass die meisten Süßigkeiten unberührt in meinem Zimmer liegen, nachdem der Zuckerspiegel sich reguliert hatte und sie demnächst ein paar Kinder hier sehr glücklich machen werden. 

Nach dem Supermarktbesuch war der Shoppingrausch ausgelöst (wie schnell verfällt man in alte Muster?) und wir haben entschieden am Nachmittag noch in einen Sportladen zu gehen. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Mit Mette, Alj, Helle und Sky gehe ich auf die Suche nach der sagenumwobenen kleinen Wellblechhütte. Nicht weit vom HATC entfernt erwartet uns auf der Fläche von gefühlt drei Umkleidekabinen ein bunter Mix aus Sportsachen und Schuhen. Alles erinnert an einen Schlussverkauf aus Einzelteilen und wir wühlen uns durch Dufflebags voller Sachen. Ich fühle mich wie nach der Kenyan Core Class, als ich den Laden eine Stunde später völlig verschwitzt verlasse. Ein kleiner Beutel mit einem schnellen Outfit begleitet mich - mal sehen, ob ich das in Deutschland jemals tragen werde, aber „Look pro - Go slow“ Motto ist erfüllt und die Startnummer „PACER“ würde es perfektionieren. 

Ein großes Wimmelbild

Neben diesen neuen Einkaufserfahrungen hat sich noch ein ganz anderes Gefühl in meinen „Das nehme ich mit“-Rucksack gesellt. Ein Marktbesuch in Iten. So spektakulär kann das ganze ja nicht sein denke ich mir und gehe mit Helle, Camille und Alj los. Die ersten Stände erstrecken sich schon am Straßenrand kurz neben dem Camp aber nach ca. 15 Minuten Fußmarsch wird es unbehaglich voll. Haufen von Kleidung, gespickt mit Obst- und Gemüseständen drängen sich dicht an dicht, sowie gefiederte Freunde, die ich zurücklassen muss.

Überall Menschen, Motorbikes und Lastwagen. Die Reizüberflutung ist im vollen Gang und das sonst beschauliche Iten hat sich in ein lebendes Wimmelbild verwandelt. Ich bin mittendrin. Es ist das erste Mal, dass ich das Gefühl von Unwohlsein empfinde. Ich bin dankbar, dass wir zu viert unterwegs sind, auch wenn wir uns nicht unsicher fühlen, bin ich froh, als wir den Markt hinter uns lassen. Wir sind uns alle einig, dass es teilweise etwas unbehaglich war und wir für den nächsten Mangoeinkauf wieder zu einem der kleinen, festen Straßenstände gehen.

Mangos stehen hier inzwischen täglich auf meinem Speiseplan und auf der „das-werde ich-vermissen“-Liste. Da sind wir wieder. Das Thema Vermissen… So einfach zu definieren ist es nicht, aber ich würde mal sagen, Dinge vermisse ich. Personen fehlen mir. Oder sagt es am Ende doch dasselbe aus?

Ich grübel mal weiter und bereite mich gleichzeitig noch auf ein ganz besonderes Event morgen vor…

Bussi & Baba

Delia 

PS: Noch nicht mit der Feder zu Papier gebracht, folgt noch ein Bericht zu einem Trail Ausflug. Wer braucht einen Track Tuesday, wenn er einen Trail Tuesday haben kann?

Und ein Wecker der sich mehr als gelohnt hat…Mal sehen wie ich das alles mit dem großen Big Bang zum Abschied in Iten morgen vereinbaren kann. Bringt Zeit zum Lesen mit…