Matcha Dates und Trackabenteuer
Keiro View und Dirt Track - Ausflugsziele im Home of Champions
Vor einer Woche bin ich gerade in Nairobi aufgestanden und habe mich durch ein üppiges Frühstücksbuffet geschlemmt, davon habe ich ja schon geschrieben. Heute, sieben Tage später, sitze ich auf meinem Bett, es ist 06:57 Uhr und der erste Besuch auf einem der bekannten und lokalen „Dirt Tracks“ steht an.
Aber Moment mal - es ist noch mehr passiert, seit meinem letzten Bericht.
Das erste Mal Kenya Run Club
Nachdem sich das Camp über die letzten Tage merklich gefüllt hat, habe ich viele neue Bekannschaften schließen dürfen. Einige trainieren hier unter der Leitung von Richard, dem Campbesitzer. Neben den angereisten Athleten betreut er auch einheimische Läufer. Camille, meine neue Nachbarin hat mir ein bisschen von ihren Trainingsplänen hier erzählt und auch vom Gruppenlauf am morgen. Start 06:30 Uhr - Juhu! Ne, im Ernst, dass ist ja genau meine Zeit und ich fühle mich fast, als würde ich an TP1 im Westpark mit Johannes und Ansgar starten.
Wir treffen uns vor dem Camp und ein paar High Knees später gibt es eine Einteilung in die verschiedenen Pace- bzw. Distanzgruppen. Ich bin noch recht unschlüssig, wo ich mich dazu stelle, da ich auf keinen Fall eine Tempoeinheit laufen möchte. Ich bleibe mit Camille, Noah und Antoine in der Gruppe für 8km und 5:30min/km. Ein neuer Versuch das langsamere Laufen weiter zu etablieren. Die ersten Kilometer zusammen verfliegen und wir laufen einen kleinen Rundkurs durch Wald und Felder, während die Sonne aufgeht. Wow. Passiert das hier alles gerade wirklich? Ich kann es immer noch nicht ganz glauben.

Der Lauf fühlt sich richtig gut an und ich setze mir eine kleine Challenge, bevor es zurück geht: Laufen im Pulsbereich unter 130. Kurz vor dem Camp drehe ich nach rechts ab, um alleine noch eine kleine Schleife zu laufen. Ich begegne großen Pacetrains, einzelnen Reisenden und auch ein paar lokalen „Mädelsgruppen“, bis ich einen Feldweg einschlage und durch ein anderes Waldstück zurück laufe. Dann passiert es. Vor mir taucht eine Anhöhe auf mit einer ordentlichen Steigung und mein Puls klettert langsam aber sicher. Was predige ich seit Tagen? Genau, ich gehe. Es war gar nicht so schwer. Ein paar Läufer kommen mir entgegen aber auch das ändert nichts und ich spaziere den Berg hoch, mein Puls wartet unten (hier sind wir wieder beim Thema, wem außer dir gibt es was zu beweisen?). Ich bin stolz über meinen Schatten gesprungen zu sein und vielleicht klappt es von Zeit zu Zeit jetzt besser, auch wenn sicher nicht das AHA-Erlebnis war, aber ein kleiner Erfolg gegen das eigene Ego.

Es wird sicher nicht der letzte Gruppenlauf gewesen sein, dem ich mich mit ein bisschen Heimatgefühl um 06:30 Uhr anschließe.
Keiro View - eine kleine Oase im Grünen
Der Wetterbericht sagte Wolken voraus, aber seit meiner Ankunft ist jeden Tag strahlender Sonnenschein, lediglich der Wind hat die letzten Tage etwas aufgefrischt. Für alle Frostbeulen, die das jetzt lesen: Haltet durch.
Mit Kappi, Longsleeve und gut eingeschmiert geht es los. Lucy, Millie und ich wollen zum Keiro View Café. Nach einem guten Kilometer Fußmarsch durch die kenianische Sonne erreichen wir die Hotelanlage im Nirgendwo und für 67 Cent (100 Schilling) Eintritt dürfen wir eintreten in eine weitere andere Welt. Es gibt einige super niedliche Unterkünfte auf dem Gelände und wenige größere Häuser. Alles ist umgeben von sehr vielen Pflanzen, Bäumen und gepflegten Steinpfaden. Das Highlight ist definitiv die Aussicht über das Keiro Valley.

Das Café/Restaurant des Hotels liegt direkt am Aussichtspunkt. Wir suchen uns einen Platz auf der Außenterasse und halten das erste Mal wieder richtige Speisekarten in der Hand. Millie schwärmt von den Waffeln und wir brauchen nicht länger überlegen: Es ist Waffelzeit! Offensichtlich sieht man uns die Wahl schon an und mit einem etwas enttäuschten Blick wird uns gesagt, dass es heute leider keine Waffeln gibt. Kein Weltuntergang und wir bestellen Kuchen, warme Milch und Vanille Eis mit frischer Ananas (für das wir am Ende ca.5 Euro pro Person zahlen). Zu meinem Glück, sollte das ganze nämlich ein Matcha Date werden! Lucy hat extra Matcha Pulver mit eingeflogen. Ehrlich, es ist okay drei Wochen kein Matcha zu trinken, auch wenn jeder Kaffeetrinker sicher größere Probleme hätte, drei Wochen auf Kaffee zu verzichten, aber ich freue mich wie auf eine Pizza nach einem Raceday. Die kleine Matcha Zeremonie hat jedoch ihr Ende gefunden, als ich den ersten Schluck getrunken habe. Milch ist Milch? Diese Milch war anders und ich hatte das Gefühl eher die Weide zu trinken als Milch. Das gute daran? Ich bin um eine Erfahrung reicher und werde in den nächsten zwei Wochen, die mir hier noch bleiben, keine Milch mehr anrühren. Die anderen sagen mir, das ist hier so und sehr gewöhnungsbedürftig. Diese Gewöhnung lasse ich mal aus…

Zugegeben das Beste am Kuchen war die Schokosauce, aber wir genießen die Auszeit und Abwechslung. Es ist auch schon wieder Jammern auf hohem Niveau, nachdem uns auf dem Weg zum Café kleine Kinder mit großen Augen nach Süßigkeiten gefragt haben. Für den nächsten Besuch werde ich also ein paar Snacks einpacken.
Bevor wir den Rückweg antreten gehen wir noch ein kleines Stück zu einem anderen Aussichtspunkt. Nach vielleicht fünf Minuten öffnet sich uns ein weiterer Blick über das Tal. Vom Wind getragen erreichen uns muhende Kuhgeräusche, Ziegengezeter und Vogelgezwitscher. Es ist wirklich ein magischer Ort. Eine kleine Oase und etwas wie Zuhause.

Beim nächsten Besuch bringe ich noch etwas mehr Zeit und ein Buch mit, um bei der Aussicht und Ruhe einfach das Leben zu genießen.

Avocadoliebhaber aufgepasst!
Die Avocado Ernte scheint dieses Jahr nicht so gut zu sein bzw. gibt es noch wenige, reife Avocados und so war bisher jeder Versuch vergeblich, die kleine Powerbombe zu erstehen. Da mein Wasservorrat sich dem Ende neigte, war noch ein Stopp am Straßenstand nötig. In der Auslage dominieren Mangos und Bananen, die Hoffnung sinkt. Wir fragen trotzdem und wenige Augenblicke später sind wir stolze Besitzer von einem guten Dutzen Avocados! Es sind und bleiben die kleinen Dinge, die einen glücklich machen.

Eine Kenyan Core Class später sitzen wir wieder beim Abendessen und planen die nächsten Tage. Dirt Track und Moiben Road stehen auf der Agenda. Als ich ins Bett gefallen bin, wusste ich noch nicht, welche kleine Überraschung mich am nächsten Tag erwartet. Kurzer Check in Instagram und ich sehe es: Der Marathonheld Abdi Nageeye hat mir ein paar Likes für Valencia und Race Recaps dagelassen. Ich wusste doch, dass wir am Tag zuvor zusammen im Gym waren…Okay, es ist nur Instagram und eigentlich völlig irrelevant, aber ich freue mich trotzdem darüber und deswegen kommt es auch in aller Ehrlichkeit hier in mein Tagebuch. Wem würde es auch so gehen?
Dirt Track in Eldoret
Jeff spielt wieder unseren Shuttleservice und bringt Lucy, Millie, Peter und mich zu einem Track an der Uni in Eldoret. Peter ist auch aus UK und seit vorgestern im Camp. Er und Millie kennen dieselben Leute und einmal mehr zeigt sie, die Laufwelt ist klein, auch wenn sie immer weiter wächst.
Es ist einer der berühmten „Dirt Tracks“ und als wir ankommen drehen schon diverse Gruppen ihre Runden. Schon bei der Ankunft merke ich, dass sich diese Track Session besonders anfühlen wird. Zum einen, ist es die erste Session mit etwas Tempo hier und zum anderen, ist es schon faszinierend die Intervallpace der Locals mal live mitzuerleben. Ich starte meine Einheit mit einer kleinen Runde auf dem Campus und gerate erstmal in eine Herde aus Ziegen und Schafe - das scheint meine Pacegruppe zu sein!

Auf dem Track trabe ich noch ein paar Meter bevor ich die verhängnisvolle „Lap-Taste“ drücke und die ersten 400 Meter eingeläutet sind. Im Kopf habe ich mich schon vorher von jeglicher Pacevorstellung gelöst und einfach versucht eine halbwegs ruhige Atmung zu bewahren. Während ich also im ersten Überlebenskampf stecke, traben die Ersten an mir vorbei. Ich halte mich außen, damit ich niemandem im Weg bin und die Staubwolke halbwegs an mir vorbei zieht. Soweit so gut. Die erste Runde ist geschafft und ich entscheide mich die Session mit ein paar Steigerungen auszubauen:
400, 800, 1200, 800,400 Meter.

Irgendwie gehen die Runden schneller rum als gedacht, auch wenn ich das letzte Erdnussbutter Brot definitiv zu kurz vorm Training gegessen habe. Selber schuld. Am Ende finde ich noch die Kraft für ein paar 200 und 100 Meter Aktivierungen bevor ich mit Handy im Anschlag am Rand stehe und Peter, Lucy und Millie versuche mit der Kamera einzufangen.

Wieder einmal „done & dusted“ sitzen wir im Auto. Auch jetzt greife ich vergebens nach dem nicht vorhandenen Sicherheitsgut und hoffe auf das Beste. 4.000 Schilling später erreichen wir das Camp und freuen uns alle auf eine Dusche und das Mittagessen.
PS: Während ich schon unser „Taxi“ als Erlebnisfahrt einstufe, sind die lokalen Athleten anderes gewohnt. Die Trainingsgruppe, bestehend aus ca. 20 Leuten, pfercht sich danach einfach auf der Ladefläche eines Pick Ups zusammen und trotzt den Schlaglöchern und jeglichem Sicherheitsgefühl.

Und sonst so?
Ich bin jeden Tag aufs neue dankbar, dass ich die Entscheidung getroffen habe, mich ins Flugzeug gesetzt habe und jetzt hier bin. Der Zusammenhalt wächst jeden Tag und es bekommt mehr und mehr dieses Klassenfahrtsgefühl. Gleichzeitig kann ich mich super zurückziehen und schreiben, lesen oder lernen. Ich habe natürlich auch meine Mädels im Ohr, die meinten, lass den Tag auch mal Tag sein. Lernen nichts zu tun. Das ist das nächste Projekt und sicher genau so spannend, wie zu lernen, langsam zu laufen.
Mit jedem weiteren Tag hier merke ich auch, dass die Muse Nachrichten zu beantworten oder sich mitzuteilen sinkt. Die Zeit ist da, auch wenn es erschreckend ist, dass man mit einem Ausflug zum Dirt Track und gerade mal 12 Kilometern Laufumfang einen ganzen Vormittag füllen kann. Ups.
Morgen geht es wieder auf die Moiben Road zum Longrun. Da die Kenianer in der Regel am Sonntag nicht laufen, wird es eher meditativ und leer sein. Um 07:30 Uhr werde ich also wieder bei Jeff im Auto sitzen und ganz bestimmt ein weiteres Mal nach dem Sicherheitsgurt greifen wollen…
Bussi & Baba,
Delia
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