Mein neuer Alltag in Iten
Heute ist Dienstag und damit Tag 3 nach meiner Ankunft. Während in München bei -12 Grad gebibbert wird, darf ich bei 17 Grad zu meinem „MoRu“ aufbrechen.
Wer jetzt denkt, dass ich bestimmt schon voll im Traingspeak stecke und auf den Tracks in der Staubwolke der Profis versuche nicht völlig einzugehen liegt falsch. Gerade heißt es nämlich Füße still halten, was mir natürlich besonders leicht fällt und eine meiner einfachsten Übungen ist. Ich habe vorher viel darüber gelesen und gehört, aber wie immer gilt, wenn man es nicht selbst erlebt, fällt es schwer es zu glauben. Also was ist jetzt mit dieser Akklimatisierung von der alle sprechen?
Die Akklimatisierung und neue Signale meines Körpers
Ich habe meinen Körper auf 2.400 Meter gebeamt und das der das erstmal ungewohnt findet, muss ich ihm nachsehen. Nicht nur die lange Reise hängt mir nach, sondern eben auch die neue Umgebung und Höhe. Ich fühle mich gut, der Jetleg hält sich bei zwei Stunden Zeitverschiebung in Grenzen und der Sleep Score ist auch besser als in so mancher Arbeitswoche. Dennoch zeigt mir mein Körper bei Belastung sehr schnell, dass irgendwas anders ist. Mein Puls steigt schneller und ich laufe bei einer Pace um die 5:30 min/km schon im orangen Tempobereich. Zugegeben, es geht hier rund ums Camp auch viel hoch und runter und bei aller Liebe stelle ich mich hier nicht aufs Laufband, wenn es draußen so viel zu sehen und erleben gibt. Aber sei es drum, die Fakten sprechen für sich:
- Mein Ruhepuls ist deutlich höher (ca. 4-5 Schläge)
- Meine HRV ist gesunken
- Mein Hungergefühl ist den Marathonpeakweeks gleich
Alles läuft in Slow-Mo
Immerhin versteht meine Garmin, dass ich gerade in der Akklimatisierung bin und straft mich nicht zusätzlich mit einem Leistungszustand von -7. Gleichzeitig fordert sie eine Schwelleneinheit…aber das muss warten.
Nach meinem ersten Run mit Party Puls am Sonntag, war ich am Montag guter Dinge mit einer anderen Route den Puls unten zu halten. Schon nach den ersten Metern rasen links und rechts Pacer an mir vorbei und ich fühle mich langsam, kurz sogar wieder etwas Fehl am Platz.

Ein Problem, dass ich nicht erst hier erkannt habe. Langsam laufen ist schwer und das soll in keinem Fall despektierlich klingen bei einer 5:30 min/km. Es widerstrebt mir auch einfach zu gehen aber am ersten Anstieg droht der Puls wieder über 142 zu steigen und ich nehme alle Kraft zusammen und gehe. Was so einfach klingt ist in der Praxis eine echte Herausforderung und ich bin jetzt schon guter Dinge daraus besonders viel mentales Training in den ersten Tagen zu ziehen.
Zusammengefasst:
Montag: 8,7 km; 5:38 min/km, 92 HM, 134 Durchschnittpuls
Dienstag: 11,5 km; 5:39 min/km, 117 HM, 137 Durschnittpuls
Was nehme ich mit? Trotz Höhenmeter und unterschiedlicher Routen komme ich auf eine ähnliche Durchscnittspace und muss einfach noch angepasster laufen und den SlowMo Modus finden.

Spoiler: Der erste Ausflug zur berühmten Moiben Road
Was das ganze noch schwerer macht, ist die Option morgen mit Lucy und Millie zur Moiben Road zu fahren. Natürlich habe ich riesige Lust und auch kleine Fangirl Momente, die beiden in Aktion zu sehen. Also bin ich natürlich dabei aber mit einem klaren Ziel: Langsam laufen, Strecke kennenlernen und Vorfreude für meine ersten Treshold Sessions und Longruns aufbauen. Ich bin gespannt, ob ich dem Ausflug morgen vielleicht sogar ein ganz eigenes Kapitel widmen werde.
Wie geht es weiter?
Seit heute geht es wieder langsam in den “Normalbereich“. Damit meine ich LANGSAM. Ruhepuls sinkt, HRV steigt in kleinen Schritten. Bin ich mental gestresst? Ein bisschen. Ich will einfach die Laufschuhe schnüren und die staubigen, roten Straßen erkunden. Aber wenn ich die nächsten Wochen hier sinnvoll und vor allem nachhaltig gesund nutzen möchte, muss ich jetzt aufpassen.
Diese Woche wird es also noch relativ ruhig bleiben im Strava Feed und ich bin gespannt, wie sich mein Empfinden vs. Messwerte die kommenden Tage entwickeln. Heute Abend finde ich aber erstmal noch heraus, wie schmerzhaft eine kenianische Physiomassage ist - wünscht mir Glück!
Kenyan Experience - die Pauschalreise nach Iten
Der Campfunk berichtet von einem Bus, der gestern eine kleine Reisegruppe im Camp abgesetzt hat. Das ganze wird als „Kenyan Experience“ verkauft und ist sicherlich eine gute Möglichkeit, wenn man organisiert und in einem festen Rahmenprogrammen das Erlebnis “Home of Champions“ haben möchte. Mir wird allerdings schnell klar, dass ich super dankbar bin, mich gegen so eine geführte Reise entschieden zu haben. Ich unterhalte mich beim Abendessen mit einigen aus der Gruppe (ungefragt sind alle super nett und auch hier verbindet direkt die Leidenschaft zum Laufen) und erfahre etwas mehr über ihr Programm. Ich bin verwundert. Akklimatisierung? Fehlanzeige.
Tag 1: Ankunft und easy run
Tag 2: easy run am morgen, easy run am Abend, Kenyan core workout
Tag 3: Track Session
…
Insgesamt sind sie zwischen ein und zwei Wochen hier, was eine Akklimatisierung zeitlich nahezu unmöglich macht, daher verstehe ich, dass was geboten wird und auch die Nachfrage danach da ist. Aus sportlicher und gesundheitlicher Sicht allerdings sicherlich nicht förderlich. Wo ich jetzt darüber schreibe denke ich aber auch, es muss ja nicht alles immer einem höheren Zweck dienen und alle werden eine besondere, sportliche und ebenso inspirierende Zeit wie ich hier verbringen.
Ein typischer Tag im Camp
So, daher jetzt genug vom Training, Fakten und Akklimatisierung. Wie sieht der Alltag hier überhaupt aus? Ich glaube zwar, dass ich an Tag 4 noch nicht von einem Alltag sprechen kann, aber die typischen Bestandteile eines Tages kehren doch immer wieder.
Frühstück gibt es zwischen 07:30 und 09:00 Uhr.Bisher gehe ich also direkt nach dem Lauf zum Frühstück. Wer mich besser kennt weiß, das sind ganz und gar nicht meine Zeiten, um was zu essen, aber ich lasse mich drauf ein und mein Körper braucht ja seinen Treibstoff. In der Regel gibt es Porridge, Bananen und eine andere wechselnde Speise wie Omlett oder Pfannkuchen. Klassisch wird auch Bananenbrot mit Marmelade, Honig oder Erdnussbutter bereitgestellt.

Danach setze ich mich entweder an mein digitales Tagebuch oder lerne weiter für meinen Laufcoachausbildung. Die Anlage ist mit weiten Gartenflächen und Rückzugsorten versehen, wo das entspannt möglich ist, wenn das WLAN es zulässt.

Wer es nicht bis zum Mittagessen schafft, kann zwischen 10:30-11:30Uhr zur Snacktime gehen und Brötchen mit den süßen Aufstrichen oder Mayo essen, Tee und Kaffee trinken. Tatsächlich habe ich schon erste Mayo Fans gesehen…
13:00-14:00 Uhr ist Lunchtime mit Reis, Nudeln, einer Variation an Linsengemüse und Gemüse. Durch das „späte“ Frühstück gehe ich eher gegen Ende der Mittagszeit zum Speiseraum. Achja, gegessen wir immer zusammen in einem kleinen Speisesaal - es hat etwas von Klassenfahrt.
Exkurs: Alleine im Speisesaal
Was beim Lesen simpel klingt, hat mich aber auch etwas Überwindung gekostet. Hä? Naja, ich bin zum ersten Mal alleine im Urlaub und es ist neu für mich. Wenn ich zum Speisesaal gehe, kann es auch sein, dass kein bekanntes Gesicht da ist. Wo setzt man sich dazu? Ist es komisch, wenn man eigentlich keine Lust auf Smalltalk hat und einfach mal alleine essen will? Ich lerne täglich dazu und mich neu kennen. Ich würde mich als offen, kommunikativ und eher extrovertiert bezeichnen aber gleichzeitig gehöre ich zu den Menschen, die ungern wo anrufen (unbekannte Nummern rufe ich erst gar nicht zurück haha). Was ich in meinem letzten Job zu meinen Stärken zählen durfte, ist im privaten Leben eben manchmal anders. Mich vor eine große Gruppe stellen und einen Vortrag halten? Einen Workshop moderieren? Easy. Im Speisesaal an einen Tisch gehen und Fragen, ob noch Platz ist? Nicht easy. Ich wachse hier an kleinen Situationen. Und klar, ich habe gefragt oder mich an Gesprächen am Nachbartisch beteiligt, weil ich „heat„ und „Berlin Marathon“ aufgeschnappt habe und bisher nur positive Erfahrungen damit gemacht. Wer wagt - gewinnt ;)
Aber das bringt mich gleich zur nächsten Challenge: Englisch. Ja, ich spreche Englisch aber im (Berufs-)Alltag habe ich es nicht gebraucht und daher kostet auch das etwas Überwindung und Zeit wieder reinzukommen. Jetzt, drei Tage später, wird es immer besser und auch an die verschiedenen Akzente gewöhne ich mich. In einem vollen Raum mit Stimmengewirr ein Gespräch zu führen mit UK oder Kanadischen-Akzenten hat seine Tücken, aber Nachfragen lohnt sich mehr als nett Nicken, wenn man etwas nicht versteht. Achja, und ist es nicht so, dass ab 30 sowieso die Toleranz für Lautstärke abnimmt und ich, Englisch hin oder her, damit gar nicht so alleine bin?
Zurück zum “Alltag“…
Das Beste ist aber, dass nicht wie im All inclusiv Urlaub die Ersten um 12:50 Uhr Schlange stehen und sich darin überbieten, was man alles so auf einen einzigen Teller schaufeln kann. Essen wird wirklich wertgeschätzt und es zeigt mir auch wieder, in welchem Überfluss wir teilweise unterwegs sind…
Es hat um die Mittagszeit angenehme 23-26 Grad und ich wechsel die Location zur Pool Area. Lesen, Lernen, Quatschen. Irgendwie verfliegt die Zeit dann doch und ich gehe am frühen Nachmittag ins Gym. Gestern stand die erste berühmt-berüchtigte Kenyan Core Class an. 40 Minuten pures Schnaufen, Leiden und Lachen. Pilates Caro sei dank kann ich mich heute schmerzfrei bewegen.
Eine Dusche später wird es auch schon Dunkel und der Hunger macht sich wieder bemerkbar. Ab zum Abendessen von 19-20 Uhr. Aber keine Sorge am Nachmittag wäre auch nochmal Snacktime, analog zum Vormittag. Ich werde hier doch noch zum Erdnussliebhaber.
Carbs & Gemüse 2.0. Ich sitze zusammen mit Lucy, Millie und Ethan am Tisch und erfahre, dass das Essen über die letzten Jahre deutlich besser geworden ist. Neben ausreichend vegetarischen Gerichten (Reis, Kartoffeln, Kohl, Gemüse…) gibt es auch immer ein Fleischgericht. Vor ein paar Jahren hätte ich hier vermutlich ein echtes Problem gehabt, habe aber zum Glück meinen Horizont und Probierfreude in eine neue Sphäre gesteigert, auch wenn Koriander und ich weiter auf Kriegsfuß stehen. Den lieben sie hier nämlich…
Wir tauschen uns über den Tag aus, die Pläne für die nächste Zeit, Begrüßen neue Gesichter und sprechen über alles Mögliche, bevor es Richtung Zimmer geht. Um halb 9-9 liege ich auch schon im Bett, schreibe noch ein paar Nachrichten, rufe Ansgar an und lese bis mir die Augen zufallen.
PS: Bisher habe ich noch keine Bekanntschaft mit einer einheimischen Mücke gemacht.
Jetzt habe ich versunken ins Schreiben fast wieder die Zeit vergessen, das Mittagessen ruft.
Bussi & Baba,
Delia
Auf der Themenliste (upcoming)
Wovon ich unbedingt noch mehr erzählen will:
- Laufen auf der Moiben Road
- Individuelle Essensvorräte
- Café & Einkauf in Iten
- Übersicht Laufstrecken um das Camp
- Packliste
- Kosten für die Reise und vor Ort
- Laufbekleidung und Routinen der Kenianer
- Die erste Tracksession
- …
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